Nathalie Yamb erklärt, was es bedeutet, auf einer Sanktionsliste zu stehen
Von der EU sanktioniert, von der Schweiz im Stich gelassen
(23. Januar 2026) (CH-S) Mehrere EU-Bürger wurden bereits von der EU-Kommission sanktioniert. Ebenso zwei Schweizer Bürger: Jacques Baud – über ihn hat der «Schweizer Standpunkt» bereits mehrfach berichtet – und Nathalie Yamb. Frau Yamb wurde in La Chaux-de-Fonds im Neuenburger Jura geboren und ist schweizerisch-kamerunische Doppelbürgerin. Seit Jahren setzt sie sich für die Souveränität afrikanischer Staaten ein. In diesem Zusammenhang kritisiert sie den Einfluss Frankreichs in seinen ehemaligen Kolonien. Viele Kommentatoren gehen deshalb davon aus, dass sie von Frankreich ins Visier genommen und sanktioniert wurde. Im Interview mit Professor Pascal Lottaz auf dessen Plattform «Neutrality Studies» erläutert Nathalie Yamb,1 was es bedeutet, von der EU sanktioniert zu sein. – Wir dokumentieren hier einige zentrale Überlegungen und Aussagen aus diesem Interview.2
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Nathalie Yamb tritt uns als eine beeindruckende, klar denkende und mutige Frau entgegen. Ihre aufrechte Haltung hat sie trotz der Sanktionen und der massiven Folgen für ihr Leben nicht aufgegeben. Sie erklärt, dass sie offiziell nicht darüber informiert wurde, dass sie sanktioniert worden war. Als sie in Afrika aus dem Flugzeug gestiegen sei, habe sie eine Nachricht ihres Anwalts empfangen, der ihr versicherte, er stünde auf ihrer Seite. Sie habe erst gar nicht verstanden, warum, um was es gehe. Auch weitere Bekannte hätten ihr geschrieben, sie hätten mit Bedauern davon erfahren, dass sie von der EU sanktioniert sei. Diesen gravierenden Akt erfuhr sie also zufällig und völlig unerwartet. Keine offizielle Stelle sah sich bemüssigt, sie zu informieren.
Lebensgrundlagen von einem auf den anderen Tag entzogen
Frau Yamb schildert, dass ihre Kreditkarten und ihre Bank- und Kryptokonten von einem Tag auf den anderen gesperrt wurden. Selbst Banken, bei denen sie nicht Kunde ist, verweigerten ihr Zahlungen. Als Aktivistin reist sie viel, doch im Ausland kann sie ohne Kreditkarten oder andere Zahlungsmittel nichts kaufen. Sie wurde auch auf allen Plattformen abgeschnitten, von Airbnb, Google und Amazon ausgeschlossen. Selbst aussereuropäische Fluggesellschaften wollten sie nicht mehr transportieren, weil sie Probleme mit europäischen Korrespondenzbanken befürchteten. Natalie Yamb schildert einen Vorfall, wo sie eine Fluggesellschaft gefunden hatte, die ihr ein Ticket verkaufte und den Betrag entgegennahm, ihr jedoch später schriftlich mitteilte, dass sie für den Flug gesperrt sei. Das Geld bekam sie nicht zurück. Auch Gelder anderer gesperrter Konten bekam sie teilweise nicht zurück, es ist einfach weg.
Gibt es einen Rechtsweg – im Unrechtsstaat?
Im Gespräch mit dem in Japan lebenden Schweizer Pascal Lottaz geht es unter anderem um die rechtliche Frage, ob und wie sie gegen ihre Sanktionierung vorgehen kann.
Nathalie Yamb erklärt, dass gegen solche Sanktionen bei einem Europäischen Gericht geklagt werden kann. Wenn man das dreimal erfolglos gemacht hat, kann man beim Gerichtshof der Europäischen Union in Luxemburg Berufung einlegen. Das ist aber bereits die letzte Instanz. Man muss also bei Instanzen klagen, die mit den Kräften verbunden sind, die die Sanktionen verhängt haben. Das ganze Verfahren ist äusserst unklar und entbehrt jeder rechtlichen Grundlage, weil die Sanktionen nur politisch begründete Verwaltungsmassnahmen sind, die von namenlosen Bürokraten im Rat der EU beschlossen wurden. Die Sanktionen werden nicht aufgrund eines Gesetzesverstosses verhängt. Die Sanktionierten haben also nicht gegen geltendes Recht verstossen.
Vorgeworfen werden ihnen nur schwammige Unterstellungen, die in den meisten Fällen darauf hinauslaufen, dass sie Russland unterstützt hätten. Auch wenn das, wie im Fall von Nathalie Yamb nicht einmal stimmt; sie hat sich mit der Frage des Russland-Ukraine-Krieges kaum beschäftigt, sondern mit der Frage der Souveränität afrikanischer Länder. «Begründet» werden solche Unterstellungen mit Zeitungsartikeln und unbewiesenen Behauptungen.
Während in einem normalen Gerichtsverfahren zunächst die Unschuldsvermutung gilt und der Beschuldigte angehört werden muss, ist das Vorgehen bei administrativen Sanktionen völlig willkürlich. Nathalie Yamb macht deutlich: Man könnte beschuldigt werden, mit Ausserirdischen gegen die EU zu konspirieren, man könnte beschuldigt werden, eine Hexe zu sein und Hexerei gegen die EU zu betreiben. Die angerufenen Instanzen prüfen dann nur, ob die erhobenen Behauptungen «belegt» sind, nicht, ob sie stimmen und ob ein strafbares Verhalten vorliegt oder nicht.
Es ist zum Beispiel nicht strafbar, Russlands Motive für den Krieg zu verstehen. Wenn aber bewiesen werden kann, dass die sanktionierte Person das tut, also die Motivation Russlands erklärt, würden die Sanktionen von den genannten Gerichten anerkannt. Falls nicht, müsste der Sanktionierte von der Liste gestrichen werden. Aber es sei schon mehrfach vorgekommen, erklärt Nathalie Yamb, dass die EU dann einfach andere Gründe angegeben habe, warum die Personen sanktioniert sei, und dann blieben sie auf der Liste und das Verfahren müsse wieder von vorne beginnen. Dies erinnert irgendwie fatal an mittelalterliche Hexenprozesse, wo die Beschuldigten auch kaum eine Chance erhielten, ihre Unschuld zu beweisen.
Prozesse kosten Geld – und das ist gesperrt
Zudem braucht man für die Führung solcher Prozesse Anwälte und die kosten viel Geld. Woher soll man es nehmen, wenn die Konten gesperrt sind, man nicht arbeiten darf und einem auch niemand aushelfen darf? Der Journalist Thomas Röper hat es erlebt: Als einer der ersten deutschen Staatsbürger wurde er auf die EU-Sanktionsliste gesetzt, seine Anwälte eröffneten ein Spendenkonto, für Unterstützer, um den Prozess zu finanzieren. Das Konto wurde sofort gesperrt, die Gelder beschlagnahmt. Hat dies noch etwas mit Rechtsstaat zu tun?
Nathalie Yamb könnte gegen ihre Banken in der Schweiz vorgehen, denn Schweizer Unternehmen handeln rechtswidrig, wenn sie europäische Sanktionen anwenden, ohne dass diese von der Schweizer Regierung übernommen wurden. Aber auch dafür braucht es viel Geld – Frau Yambs Konten sind jedoch eingefroren und blockiert. Eine Art endloser Albtraum.
Familie mitbetroffen
Sogar die nächsten Angehörigen sind mitbetroffen. Nathalie Yamb hat einen Sohn in der Schweiz, der nichts mit ihren Aktivitäten zu tun hat. Aber weil er denselben Namen trägt, werden manchmal Überweisungen gestoppt und zurückgeschickt; eine Art Kollateralschaden der Sanktionen. Oder: Sie soll bald Grossmutter werden, wird aber bei und nach der Geburt nicht bei ihrer Tochter sein können. Ihre Mutter wird in diesem Jahr 80 Jahre alt – ohne ihr Dabeisein. Diese Dinge wirken sich aus, und genau dafür sind sie gedacht. Sie sollen die psychische Gesundheit beeinträchtigen, sollen Entschlossenheit und Widerstandskraft schwächen. Sie sollen einen Menschen finanziell, moralisch, psychologisch treffen, damit er nur noch mit der Suche nach Lösungen beschäftigt ist – es bleibt kaum Zeit und Energie, um politisch aktiv zu sein.
Traurige Rolle der Schweiz
Und die Schweiz, ihr Heimatland? Man sollte meinen, Schweizer Konsulate und Botschaften im Ausland seien dazu verpflichtet, ihren Landleuten beizustehen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten. Die Realität ist desillusionierend: Die Schweizer Regierung hat keinen Finger gerührt für Nathalie Yamb. Sie hat die Botschaft kontaktiert, doch diese hat jede Unterstützung verweigert. Dies musste auch Jacques Baud erfahren, der zweite Schweizer Staatsbürger, der sanktioniert wurde. In seinem Fall haben offenbar massive Proteste dazu geführt, dass die Schweizer Missions-Chefin in Brüssel sich nach mehreren Wochengenötigt sah sich einzuschalten.
Netzwerke von Freunden sind die wichtigste Hilfe
Wenn man Nathalie Yamb zuhört und dabei sieht, dass sie immer noch aufrecht ist, überhaupt nicht eingeschüchtert, ja sogar lebensfreudig wirkt, fragt man sich: Wie bewältigt sie das?
Sie erklärt es: Wer in eine solche Situation gerät, braucht ein starkes Unterstützungssystem. Es ist wichtig für sie, Freunde um sich zu haben, die sie mit Kleinigkeiten unterstützen. Dies hilft, menschlich zu bleiben. Weil man selbst ja kaum mehr etwas tun kann.
Bisher sind lediglich zwei Schweizer betroffen, aber es werden mehr werden – Hunderte, vielleicht Tausende, oder gar Zehntausende. Und die EU wird das Instrument «russische Sanktionsliste» nicht aufgeben, sie könnte es auf unbestimmte Zeit beibehalten, selbst wenn der Krieg endet.
Pascal Lottaz fragt nach: «Also, was sollen die Leute tun, bevor sie auf diese Liste geraten, oder wenn sie schon aufgelistet sind?»
Frau Yambs erste Empfehlung: «Sorge dafür, dass Du ein Bankkonto in einem Land hast, das keine Sanktionen anwendet. Versuche, eine UnionPay-Kreditkarte aus China oder eine Karte aus anderen nichtwestlichen Ländern zu bekommen, die Sanktionen nicht systematisch umsetzen. Tatsache ist, dass manche Länder internationale Sanktionen nur dann übernehmen, wenn sie von den Vereinten Nationen beschlossen sind – vor allem in Asien und der arabischen Welt.»
Eine weitere Empfehlung für Inhaber von Krypto-Konten: «Geht raus aus Binance und all diesen zentralisierten Plattformen, denn sie werden euer Konto schliessen. In dem Moment, in dem ihr auf einer Sanktionsliste steht, habt ihr keinen Zugriff mehr auf diese Plattformen. Also wechselt zu externen Wallets – Ledgers, Trezors, was auch immer, geht zu MetaMask. Und was soziale Medienplattformen angeht: Sucht nach Anbietern, die ausserhalb Europas sitzen. Sichere alles auch auf anderen Plattformen – Rumble und all den anderen.»
Potentiell Gefährdete, wie tatsächlich Betroffene sollten unbedingt ein Konto ausserhalb der EU eröffnen. Und für Schriftsteller ist es ratsam, einen Vertrag mit einem Verlag abschliessen, der nicht den EU-Sanktionen oder ähnlichem unterliegt.
Nathalie Yamb war jedenfalls schockiert, dass die Schweiz ein solches Mass an Gehorsam gegenüber der EU zeigt. Deshalb müsse man alle Energie, alle Ideen, alle Widerstandskraft bündeln. Der Gegner sei ein Monster. Allein könne man ihm ein paar Schläge versetzen, aber man könne es nicht stoppen. Man müsse gemeinsam ein starkes System aufbauen, um dieser dystopischen Realität zu widerstehen, die uns weltweit drohe.
1 Link zum Interview in englisch: https://substack.com/@pascallottaz/note/c-190524576
2 Deutsches Transkript des Interviews: https://www.pressenza.com/de/2025/12/bruessel-ein-ziviler-administrativer-und-sozialer-tod-droht-durch-entscheidungen-der-europaeischen-kommission/