Fahrlässig und falsch

Die vermeintlich förderliche frühe Digitalisierung hat für Kinder fatale Folgen

von Michael Felten*

(18. September 2026) Was Karl Valentin einst über die Kunst im Allgemeinen sagte, gilt auch für die Kunst, Vater oder Mutter zu sein: Es ist schön, macht aber auch viel Arbeit. Zum Weltelterntag, für den die UN seit 2012 den 1. Juni reserviert haben, könnten wir uns bei allen jungen Müttern und Vätern für ihre so wichtige tägliche Fürsorge und Mühe bedanken. Und wir sollten uns einer der riesigen Herausforderungen bewusst sein, die sich Erziehenden heute stellt: vernünftig mit digitalen Medien umzugehen, bei Kleinkindern, bei Heranwachsenden, nicht zuletzt bei den Erwachsenen – bei uns selbst.

Michael Felten.
(Bild zvg)

Im Dezember letzten Jahres schlugen Berliner Kinderärzte Alarm: Immer mehr Dreijährige würden nur noch ungern spielen, sie sprächen wenig, hätten kaum noch Interesse an Gleichaltrigen und wüssten nicht recht, wie sie mit anderen in Kontakt treten können. Die Fachleute vermuteten, solcher «virtuelle Autismus» komme auch daher, dass Eltern ihren Kindern zu schnell, zu früh und zu oft Tablets in die Hand drücken – sei es, um sie in der Bahn, beim Essen ruhigzustellen; sei es aber auch, weil sie meinen, den Nachwuchs möglichst frühzeitig an die Moderne heranführen zu müssen.

Ersteres ist fahrlässig, Letzteres falsch: Kindliche Entwicklung geschieht nämlich nicht digital, sondern analog – in echten Beziehungen, im direkten Wahrnehmen von Dingen, im eigenen Begreifen und Bedenken. Zu frühe Digitalität schränkt dies ein. Tippen und Wischen bauen keine Geistigkeit auf.

Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Thomas Fischbach, war schon 2023 äusserst besorgt: «Wenn ich beobachte, dass schon Kleinkinder Tablets in die Hand bekommen und ohne ihre Spiele und Comicserien nicht essen wollen, stehen mir die Haare zu Berge.» Verfrühte Digitalität ist umso problematischer, als frühkindliche Defizite kaum kompensierbar sind.

Je später Kinder Zugang zu digitalen Medien erhalten, desto gesünder
können sie aufwachsen. (Bild https://kaboompics.com)

Kleinkinder, die zu schnell, zu früh und zu oft in den Bann von Screens geraten, können zu wenig im echten Spiel, in echter Kommunikation wachsen und reifen. Und wenn die Eltern selbst ständig am Smartphone hängen, fehlt jede Menge Zugewandtheit, Sprachvorbild und emotionale Resonanz. Das beeinträchtigt nicht nur künftiges Sozialverhalten, sondern auch die weitere Lernfähigkeit. Die Kinder haben dann in der Schule grössere Mühe, lesen, rechnen und denken zu lernen – auch wenn die Lehrkräfte diese Kompetenzen noch so sehr fördern.

Deshalb: Keine Screens für U3!

Wenn Sie verhindern möchten, dass Ihr Kind zum virtuellen Autisten wird, geben Sie ihm in den ersten Jahren kein Tablet oder Handy in die Hand! Sprechen Sie lieber viel mit ihm! Für ein Kleinkind ist alles spannend. Klar, Sie hätten gerne mal Ihre Ruhe. Aber Kleinkinder brauchen Jahre, um die echte Welt zu begreifen. Digitales irritiert, ja verstört sie dabei.

Und nutzen auch Sie selbst möglichst wenig Ihr Smartphone, wenn Sie stillen, miteinander essen oder spazieren gehen. Sie wirken sonst für Ihr Kind abwesend – und auch das kann zu gravierenden Entwicklungsstörungen führen.

Das Problem erübrigt sich selbstredend nicht mit dem dritten Geburtstag. Der französische Psychologe Serge Tisseron hat eine Faustregel mit Hilfe der 3er-Reihe im kleinen Einmaleins geprägt: Kein Fernsehen für Kinder unter 3, keine eigene Spielkonsole vor 6, Internet frühestens nach 9 und soziale Netzwerke erst ab 12. Mit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina lässt sich die Reihe noch verlängern: Kein Smartphone in der Schule bis 15 (unter Klasse 11), Social Media ohne Alterskontrolle und Elternbegleitung erst ab 18.

Der entwicklungsschädliche Einfluss des Digitalen gehört dringend eingedämmt - und wie bei allen Einflüssen mit Suchtpotenzial sind Beschränkungen, ja Verbote nun einmal der erste Schritt.

* Michael Felten ist deutscher Schulentwicklungsberater und Träger des «Human Award» 2014 der Universität zu Köln. Seinen Elternflyer können Multiplikatoren und andere Interessierte anfordern unter: eltern-lehrer-fragen-info@web.de

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